Die Beratung des Lernens wird gerade in den letzten zehn Jahren wieder erneut diskutiert. Dabei ist die Diskussion zur Beratung in der Pädagogik bzw. in der Erziehungswissenschaft keineswegs neu. Seit den 1950er Jahren angefangen mit Bollnow über Mollenhauer und für die Erwachsenenbildung ausgehend von Pöggeler und Tietgens ist die Beratung als professionelle Handlungsweise im pädagogischen Diskurs etabliert und integriert. Das deutet aber nun schon darauf hin, dass Beratung in den pädagogischen Diskurs erst integriert werden musste. Das gilt auch für das Lernen. Es ist schon sehr interessant, welche Karriere der Lernbegriff in den vergangenen kaum mehr als einhundert Jahren gemacht hat. Dabei spielt der Lernbegriff im pädagogischen und erziehungswissenschaftlichen Kontext erst seit den 1960 und 1970er Jahren eine besonders hervorgehobene Rolle. Bis dahin, so scheint es, hat der Bildungsbegriff eine vergleichbare Position im pädagogischen Diskurs eingenommen. Der Bildungsbegriff ist nun zwar nicht vom Lernbegriff abgelöst worden, in dem Sinne, das Bildung als pädagogisches Konzept verschwunden wäre - dem ist nicht so. Analysiert man aber die Konzepte, auf die hin theoretisch argumentiert wird, die gewissermaßen als Ziel oder als Ausgangspunkt wissenschaftlicher und theoretischer Arbeiten in den Eingenommenrziehungs- und Bildungswissenschaften stehen, dann hat der Lernbegriff als Epizentrum den Bildungsbegriff abgelöst. Zugleich findet zur Zeit ein Prozess statt, in dem die Wissenschaft von der Erziehung, vom Lernen und der Bildung von Menschen wieder neu bezeichnet und damit auch neu definiert wird. Erst in den vergangenen vielleicht fünf Jahren ist zu beobachten, dass an den Hochschulen die Erziehungswissenschaften umbenannt und reorganisiert werden. Hier kommen die „Bildungswissenschaften" ins Spiel. Der neue Name Bildungswissenschaften deutet auf eine zweite Modernisierung der pädagogischen Wissenschaft hin. Nachdem die Pädagogik sich während des 19. Jahrhunderts von der Philosophie löst und zu einer eigenen wissenschaftlichen Disziplin wird, wird diese - also ihre junge Tradition und ihre Gegenstandsbestimmung und damit auch die Formierung der Wissenschaft selbst - in den 1960er Jahren modernisiert. Dieser erste Modernisierung lässt sich kennzeichnen über die Transformation des Namens der Wissenschaft, die fortan Erziehungswissenschaft genannt wird. Mit dem neuen Titel geht die Entwicklung neuer Forschungsmethoden, neue wissenschafts-theoretische Positionen und ein sozialwissenschaftliches Selbstverständnis einher. In der zweiten Modernisierung von der Erziehungswissenschaft zu den Bildungswissenschaften deuten sich vergleichbar weitreichende Veränderungen an. Nach der sich versozialwissenschaftlichenden Pädagogik gibt es einige Hinweise auf eine sich nun vernaturwissenschaftlichende Sozialwissenschaft. Wie ist das gemeint? Die Bildungswissenschaften sind in gewisser Weise ein interdisziplinäres Programm, mit dem die wissenschaftliche Expertise der Erziehungswissenschaften, der Soziologie, der Kulturwissenschaften und vielleicht vor allem der Psychologie verbunden werden, um „angemessenes" Wissen über den Forschungsgegenstand zu produzieren. So wie während der ersten Modernisierung die Verfahren der geisteswissenschaftlichen Pädagogik unter Druck kamen, so sind nun die Verfahren einer sozialwissenschaftlich vorgehenden vor allem mit qualitativen Methoden arbeitenden Erziehungswissenschaft unter Druck. Man könnte auch meinen, diese etablierten Verfahren und Forschungszugänge werden ergänzt durch Forschungsmethoden und -zugänge, wie sie sehr differenziert und elaboriert in der Soziologie und der Psychologie entwickelt wurden. Ein solcher Wandel ist aber nicht unerheblich. Mit den erkenntnis- und wissenschafts-theoretischen Positionen, mit den damit verbundenen methodologischen und methodischen Figuren variiert der Gegenstand der beobachtet und beschrieben, be- und erforscht werden kann und soll. In meiner wissenschaftlichen Tätigkeit arbeite ich auf einer poststrukturalistischen Theoriefolie, die vor allem von den Texten Derridas her entwickelt ist, für die aber auch die Texte von Foucault, Baudrillard oder Bourdieu eine wichtige Rolle spielen. Insofern mein Forschungsgegenstand das Lernen im Lebenslauf ist - auch das ist schon ein mehrfach modernisierter Terminus - analysiere ich diese Gegenstand von einer Art Außenstandpunkt. Es handelt sich dabei um einen Außenstandpunkt, der in den Gegenstand eindringt und diesen versucht als anderen zu verstehen und in seiner Differenz auf seine Polyvalenz hin zu analysieren. In diesem Sinne lässt sich sowohl die grundlagentheoretische Auseinandersetzung mit dem Diskurs zur Lernberatung lesen wie auch die anwendungsbezogenen Arbeiten zur Bildungsberatung oder zur Gestaltung von Studiengängen. Zur Zeit arbeite ich an der Universität Potsdam an einer gouvernementalitätstheoretischen Analyse der Diskurse des Lernens.